Training zur Steigerung der Fitness, zur Erhöhung der Muskelmasse, zur Reduktion von Fett – all das ist gang und gäbe. Aber Training zur optimalen Nutzung von Zyklusphasen? Tatsächlich ist das bislang selten Thema. Zu Recht oder zu Unrecht?
Von der Pubertät bis zur Menopause – der Zyklus ist ein äußerst zäher Begleiter der weiblichen Vita. Häufig verengt sich der Blick dabei auf die Periode, denn da sind die Auswirkungen am offenkundigsten. Aber natürlich verrichtet das monatliche Hin und Her auch zwischen den Regelblutungen sein Werk. Wie das dann empfunden wird, ist individuell total verschieden. Die Spanne reicht von „Was soll da sein?“ bis zu pathologischen Formen à la PMS (Prämenstruelles Syndrom).
75 Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter wären davon betroffen, ist mitunter nachzulesen. Fachmedizinische Quellen sind da deutlich zurückhaltender: Etwa jede zehnte leide an PMS, lautet dort eine Einschätzung. Eine weitere ist, dass es gut sei, trotz der Beschwerden, Sport zu treiben. In dem Fall hat Bewegung eine therapeutische Wirkung, diese wird durch das Konzept des zyklusorientierten Trainings aber nicht oder kaum zusätzlich gestärkt. Dort geht es primär um eine auf den Zyklus abgestimmte Trainingsplanung.
Hormon-Pingpong
Hauptverantwortlich für zyklusbedingte Schwankungen ist das Wechselspiel diverser Hormone, wobei speziell das Sexualhormon Östrogen und das Steroidhormon Progesteron Einfluss auf das Fitnesslevel haben. Dabei ergibt sich eine nahezu klassische „Good Cop, Bad Cop“-Situation. Östrogen wirkt anabol (gewebeaufbauend), was der Leistungsfähigkeit sehr zugute kommt. Progesteron hat dagegen tendenziell katabole Eigenschaften, heißt, es begünstigt den Abbau körpereigener Substanzen – keine optimale Voraussetzung für den Muskelaufbau. Östrogen „regiert“ die erste Zyklushälfte (Follikelphase), Progesteron die zweite (Lutealphase). Somit liegt die Annahme nahe, dass Anstrengungen in Halbzeit eins mehr bringen als in Halbzeit zwei. Hält diese These akademischen Betrachtungen stand?
Kein Hokuspokus
Eine Studie zum Thema „Zyklus und Training“ stammt von der sportwissenschaftlichen Fakultät der Uni Bochum. Untersucht wurde die Veränderung von Maximalkraftwerten beim Training an der Beinpresse. Und tatsächlich: Im direkten Vergleich der beiden Zyklushälften ging die Follikelphase in Sachen Kraftzuwachs als klarer Sieger hervor. Es wird angenommen, dass dafür die erhöhte Konzentration von Testosteron verantwortlich ist. Richtig gelesen: Testosteron. Auch dieses anabol wirkende, vornehmlich männliche Sexualhormon erfüllt im weiblichen Körper wichtige Funktionen – es beeinflusst unter anderem Lustempfinden, Antrieb und Energie. Rund um den Eisprung wird ein Überschuss der großen Östrogenmenge im Eierstock in eben dieses Testosteron umgewandelt. Aber, betrachten wir nun die Zyklusphasen etwas genauer.
Tag 1 bis 4 Menstruation – entschleunigen
Das Östrogen-Level ist während der Regelblutung am niedrigsten. Folge: Du bist womöglich ausgepowert und musst die Zähne zusammenbeißen, um überhaupt dein Sportprogramm angehen zu können. Aus gesundheitlicher Sicht spricht, von harten Ausnahmefällen abgesehen, dennoch nichts dagegen, während der Tage zu trainieren. Sport kann mögliche Beschwerden sogar lindern, da der Körper durch die Aktivität dazu angeregt wird, Endorphine auszuschütten. Endorphin ist ein selbst produziertes Opioid und damit eine Art Schmerzmittel. Wenn du die Periode gut wegsteckst, kannst du im Großen und Ganzen das normale Trainings-Level beibehalten. Hat die Regelblutung spür- aber durchaus hinnehmbare Auswirkungen, reduziere das Trainingsvolumen etwa um ein Drittel. Das erreichst du im Krafttraining durch 30- bis 40-prozentige Reduktion der aufgelegten Gewichte. Alternativ kannst du die Gewichte konstant lassen und stattdessen die Wiederholungszahlen senken.
Durchlebst du allerdings einen echten Tiefpunkt, bietet sich eine Trainingspause an. Einen Tag oder ein paar Tage aussetzen, ist kein Problem und du vermeidet gegebenenfalls sogar schädliches Übertraining. Wer unter dem Nichtstun leidet, kann die Zeit auch für Dinge wie einen ausgiebigen Spaziergang oder eine entspannte Yoga-Session nutzen.
Tag 5-14 Proliferation – Zeit für Höchstleistungen
Training zwischen dem 5. und 14. Zyklustag gilt als besonders effektiv. Diese Phase von etwa zehn tollen Tagen, die Höchstleistungen optimal begünstigen, wird als Proliferation bezeichnet, Im Idealfall bist du dann im „Flow“, fühlst dich rundum fit, das Training flutscht und du verbesserst persönliche Rekorde. Grund dafür, ist der permanente Östrogenanstieg und auch der damit verbundene Testosteron-Push. Höchstwerte werden kurz vorm und beim Eisprung erreicht. Zumindest in diesem Stadium kann das gewohnte Trainings-Level locker überschritten werden, heißt, höhere Gewichte und Intensität. Kraft- und Ausdauertraining haben nun das höchste Potenzial für langfristige Leistungszunahmen, sprich Trainingsfortschritte. Biologisch betrachtet, gibt es keinen besseren Zeitpunkt zu klotzen statt zu kleckern. Frauen sind körperlich und psychisch in Höchstform.
Tag 15 bis 28 Lutealphase – moderat trainieren
Nach dem Eisprung kommt der Gamechanger: Nun gibt der Progesteron-Anstieg den Takt und läutet einen Zeitabschnitt mit nachlassender Energie ein. Somit ist ratsam, in der Lutealphase die hohe Trainingsintensität von Tag 5 bis 14 zu reduzieren. Bedenke auch, dass die Körpertemperatur gegenüber der ersten Zyklushälfte um bis zu 0,5 Grad ansteigt und sich im Gewebe vermehrt Wasser ansammelt – die inneren Regelungsmechanismen werden also schon deutlich mehr beansprucht. Generell eignen sich die zwei Wochen dazu, das in der Proliferation Erarbeitete zu konsolidieren. Das Trainingsvolumen bewegt sich im Wesentlichen im Normal-Level – übe die Grundlagen, achte auf moderate Pulswerte. Gibt es schwächere Tage, fahre nach längerem Warm-up etwas herunter. Verzichte im Ausdauerbereich gegebenenfalls auf HIIT-Workouts, stattdessen Cardio-Sessions mit konstantem Speed und ohne eingestreute Sprints. Beim Krafttraining können Unterkörpereinheiten tageweise wegen Leib- oder Rückenschmerzen beeinträchtigt sein, beim Oberkörperübungen kann die Brust schmerzen. Falls etwas davon auf dich zutreffen sollte, verlagere den Fokus auf nicht betroffene Muskelpartien.
Tricky – Deload einbinden
Weniger trainieren und trotzdem gewinnen: Wenn es dir gelingt, die wiederkehrenden Schwächephasen ganz oder teilweise mit einem sogenannten Deload zu überbrücken, trickst du die Biologie besonders gut aus. Als Deload wird das Einlegen eines Trainingsabschnitts mit geringeren Belastungen bezeichnet. Ziel ist eine Optimierung der Regeneration. Möchtest du langfristig Ausdauer und Kraft aufbauen, ist Erholung ohnehin unerlässlich, da die eigentlichen Wachstumseffekte in den Ruhephasen stattfinden. Mit Deload-Training aktivierst du Proteinsynthese sowie Durchblutung und regenerierst besser als beim kompletten Pausieren. Gängig ist eine Absenkung des Trainingsvolumens auf 60 bis 70 Prozent.
Bei hartem Training – zum Beispiel sechsmal die Woche – kann die Deload-Zeit immer auf die durchschnittlich fünf Tage währende Periodenphase gelegt werden. Bei moderatem Training – etwa dreimal wöchentlich – sollte nur alle acht Wochen „deloaded“ werden. Also ein Zyklus ohne Deload, dann einer mit. Nutze die belastungsärmeren Tage zur Technikoptimierung und zum besseren Erspüren der trainierten Muskeln. Wenn du aus dem Deload heraus in die Hochphase wechselst, nicht gleich wieder bei 100 Prozent einsteigen, denn es gilt, gut mit der gewonnenen Power zu haushalten. 90 Prozent zu Beginn ist ein guter Wert, dann steigern und zu gegebener Zeit Bestmarken knacken.
Quelle: shape UP